Dorfgeschichten einmal anders
Hinter der ländlichen Idylle lauert das Grauen – Adam Scharrer erzählt von Bauern, Kriegswirren und menschlichen Schicksalen.
Das Dorf als Mikrokosmos einer Gesellschaft im Umbruch: Adam Scharrer beleuchtet in seinen bewegenden Erzählungen die Schicksale einfacher Menschen, die zwischen Tradition, Krieg und persönlichem Überlebenskampf zerrissen werden.
Bauern kämpfen um ihr Land, Familien um ihre Existenz, Soldaten um ihr Leben.
Während die politische Maschinerie immer gnadenloser wird, müssen sich die Protagonisten entscheiden: Anpassung oder Widerstand? Liebe oder Verrat? Unterwerfung oder Freiheit? Vom erbitterten Überlebenskampf an der Ostfront bis zum stillen Widerstand im eigenen Heim zeigt Scharrer die dramatischen Umbrüche, die das Leben der Menschen für immer prägen.
Ein literarisches Meisterwerk über Hoffnung und Verzweiflung, Macht und Ohnmacht, Pflicht und Gewissen – beklemmend aktuell und zutiefst bewegend.
ERSTER TEIL
Karin und ihre Freier
Das letzte Wort
Das Geständnis
Hans Zäuner wird Soldat
Der Herr im Hause
Der Mann, der sich durch Schweigen retten wollte
Die Hopfenpflückerin
ZWEITER TEIL
Warum dem Holbinger-Bauern schwarz vor den Augen geworden ist
Was der Fassbinder-Hannes den Nazis für ein einziges offenes Wort zahlen musste und was für eine Rechnung er ihnen ankündigt
Warum ich noch halbkrank und marode wieder auf meine Tour gegangen und gleich wieder hineingetappt bin in die große Zeit
Warum der Langfelder-David aus Unterwalddorf von den Gendarmen abgeholt worden ist, und warum die Leute das als böses Vorzeichen auslegten
Warum der Moosberger Hand an sich gelegt hat, und was die Leute, wie die alte Bankel-Marie, darüber denken
Warum der Maßhof-Bauer aus Unterwalddorf ins Irrenhaus überführt worden ist
Warum das Denkmal für die Kriegsgefallenen im Kirchspiel Eichendorf nicht fertiggestellt worden ist
Warum der Traugott-Berthl in der „Waldschenke“ einen Tobsuchtsanfall bekommen hat und alle, die ihm zugehört hatten, schweigsam nach Hause gegangen sind
Warum mir die Zustellung eines amtlichen Briefes soviel Kopfzerbrechen machte, obgleich die Adresse ganz deutlich geschrieben war
Warum der Dreipfänder-Jonas seit seiner Heimkehr von der Front jedem Diskurs ausweicht
Warum der Spanninger-Andres ohne Einwilligung des Reichsnährstandes an einem Volkstrauertag ein Schwein gemetzelt hat
Warum der Mälzer-Simon aus Kringelhausen seine eigene Scheune angezündet hat
Warum der alte Beringer als erster Lehrer in Eichendorf abgesetzt und ihm die Pension abgesprochen worden ist
Warum der alte Schreiner aus Oberfinkenkrug seiner Schwiegertochter geraten hat, ihren größten Acker und eine Wiese zu verpachten und die Kühe zu verkaufen
Wie der Blausattel-Xaver aus Eichendorf die alte Wingering wegen Staatsbetrugs auf frischer Tat ertappen wollte, und wie er sich dabei verrechnet hat
Warum der Eppinger-Daniel den Gerichtsvollzieher erschossen hat und wie es zugegangen sein soll, dass er dann selber durch eine rätselhafte Krankheit ums Leben gekommen ist
Warum es auf dem Fuchsberg einen Russenfriedhof gibt, und warum der alte Lechner ein Gebet nicht bis zu Ende gesprochen hat
Warum die Schober-Margareth aus Oberfinkenkrug an einem trüben und traurigen Tag so gut aufgelegt war und was sie mir dann anvertraut hat
Karin und ihre Freier
Die Ernte war gut ausgefallen, das Wetter war prächtig; die Kirchweih in Heiligenhain war daher auch aus anderen Dörfern gut besucht. Das ganze Dorf war voll von Musik.
Im Zanderhaus jedoch, dem rechten von dem Zweigehöft an der Kulmberger Straße, wollte keine rechte Kirchweihstimmung aufkommen. Der Zanderbauer stampfte zornig im Haus herum, weil Karin, seine Tochter, sich weigerte, mit zur Kirchweih zu gehen. Auch der Onkel und die Tante machten betretene Gesichter. Der Vetter versuchte, Karin durch einen Scherz aufzumuntern. „Hab mich so darauf gefreut“, sagte er, „mit dir tüchtig zu tanzen. Verdirb doch wenigstens mir nicht die ganze Kirchweih. Die Alten halten doch nicht so lange aus, und auf dem Heimweg kommen wir schon auf unsere Kosten!“ Doch sofort stellte sich heraus, dass der Witz nicht am Platze war. „Warum traktiert ihr mich, wenn ich doch nicht will“, antwortete Karin, stand dann auf und ging aus der Stube in ihre Kammer.
Zander zog seinen Mantel über, griff nach seinem Hut. Auch die Gäste machten sich zum Gehen fertig. Karin blieb in ihrer Kammer sitzen. Die Gedanken jagten wild durch ihren Kopf. Diese Gedanken enthielten die ganze Geschichte des Zanderhofes und darin eingeschlossen den Grund für Karins Verhalten.
Schon der Großvater war als mürrischer Sonderling bekannt. Außer den Verwandten durfte kein Mensch den Hof betreten. Als er starb, flossen die Tränen nicht sehr reichlich, und er starb auf eigenartige Weise.
Er hatte eine Kuh verkauft und sie nach Kulmberg zum Händler getrieben. Es war im Herbst, des Nachts fiel das Thermometer einige Grad unter Null. Der Viehhändler zahlte dem Alten sein Geld auf den Tisch und fragte ihn, ob er, da er doch viel Geld bei sich trage, nicht mit der Bahn fahren wolle. Der Alte deutete auf seinen Hund: „Der sorgt schon dafür, dass nichts passiert.“ Der Viehhändler goss dem Alten einen Schnaps ein. Der Alte trank, trank noch einen und dann noch einen. Der Schnaps schoss ihm schwer in die Füße.
Als er auf dem Heimweg die Bank erreicht hatte, die unter den Eichen am Oberndorfer Weg stand, beschloss er, ein wenig auszuruhen. Dort schlief er ein. Als ein Radfahrer vorbeikam, lag er vor der Bank, Hut und Stock daneben. Der Radfahrer wollte helfen, doch der Hund knurrte ihn drohend an. Der Radfahrer fuhr ins Dorf und holte Hilfe. Zu spät. Der Alte war tot. Schlaganfall, meinte der Arzt, und dann erfroren.
Die Leute im Dorf waren der Meinung: Der ist an seinem Geiz erstickt. Von seinem Geld hätte er sich nicht so vollgesoffen.
Nun erst war der junge Zander Herr auf dem Hofe, der ihm wohl schon lange überschrieben war, aber der Alte hatte die Herrschaft keinen Augenblick aus der Hand gegeben, obgleich sein Sohn bereits Vater von drei Kindern war. Karin war sechs, ihre Brüder, der Kaspar und der Christian, acht und elf Jahre alt.
Der junge Zander legte die abfälligen Reden als Neid und Missgunst aus. An dem Verhältnis zu den Leuten im Dorf änderte sich nichts. Als die Wasserleitung ins Dorf gelegt wurde, sollten Zander und sein Nachbar, der Sterk, einige hundert Meter Rohr extra bezahlen, weil ihre Höfe zu weit vom Dorf ablagen. Zander weigerte sich, so dass die Rechnung für Sterk noch höher wurde. Sterk beschloss, die Leitung dennoch legen zu lassen, musste aber, wenn er einen großen Umweg vermeiden wollte, mit der Rohrleitung durch einen Acker von Zander. Zander gab seine Einwilligung nicht. Dadurch war die Feindschaft zwischen den Nachbarn noch erbitterter geworden. Ob ein Kalb zur Welt kam, einige Fuder Heu oder Korn vom Gewitterregen bedroht waren: Keiner der Nachbarn nahm mehr die Hilfe des anderen in Anspruch.
Auch die Kinder wurden streng angehalten, jeden Verkehr miteinander zu meiden. Doch dieses Gebot wurde oft durchbrochen. Eines Tages fuhr der Sterk-Ludwig mit dem Fahrrad nach Kulmberg. Karin hütete unweit der Kulmberger Straße die Kühe. Ludwig hatte Karin versprochen, Murmeln mitzubringen. Er hielt Wort: Einen ganzen Beutel voll funkelnagelneuer Murmeln brachte er mit, dazu zwei große, bunte, gläserne. Er schüttete den ganzen Reichtum in Karins Schürze und lächelte sie aufgeregt an. Und plötzlich, ehe Karin mit dem Zählen fertig war, hatte Ludwig sie zu Boden gedrückt. Erst als sie seine Hand zwischen ihren Schenkeln spürte, begriff sie, was Ludwig wollte. Sie biss, kratzte, riss sich los, sprang auf und erschrak noch mehr, wie sie Ludwig nun vor sich sah: Augen wie ein Ochse, Ohren wie ein Esel, Arme und Hände wie ein Affe; Wie ein gehetztes Wild lief sie aus dem Walde zu ihren Kühen. Von diesem Tage an bedurfte es keiner Ermahnung des Vaters mehr, den Umgang mit Ludwig zu meiden. Ludwig war damals dreizehn, Karin elf Jahre alt.
Als Karin aus der Schule kam, entließ Zander die Magd. Christian, der älteste Bruder, machte den Knecht, Kaspar, der jüngere, arbeitete im Schieferbruch. Das Geld, das er verdiente, verwendete Zander für die Bezahlung der Tagelöhner, die er zur Ernte brauchte. Sein Konto auf der Sparkasse stieg von Jahr zu Jahr. Und als es dann galt, im Jahre 1914 Haus und Hof gegen den „Erbfeind“ zu verteidigen, war das für Zander wohl so plötzlich unfassbar, aber dann doch selbstverständlich.
Christian fiel in Polen, Kaspar in Belgien. Als Zander die Nachricht vom Tode seines zweiten Sohnes erhielt, aß er den ganzen Tag keinen Bissen und sprach kein Wort. Seine Frau stellte in der Kammer die Bilder ihrer Söhne auf die Kommode, daneben zwei lange, dicke Kerzen. Sie betete mehrere Male am Tag laut und lange. Zander sah seine Frau verwundert an und blieb stehen. Doch sie wies ihn hinaus, und als er nicht gehen wollte, schrie sie ihn an: „Raus du, du Satan!“ Zander ging erschrocken aus der Kammer. Die Alte verschloss die Tür und betete laut weiter. Sie arbeitete nicht mehr, kochte kein Essen. Eines Tages stürzte sie mit einem Küchenmesser auf die alte Sterk los. „Jetzt hab ich dich“, schrie sie, „du bist schuld, an allem schuld. Du hast alles verhext!“
Die alte Sterk rannte in die Scheune und schrie laut um Hilfe. Zander musste Gewalt anwenden, um der Tobenden das Messer zu entreißen.
In einer kalten Winternacht war sie dann fortgelaufen, ohne sofort bemerkt zu werden. Sie lief auf die Lichter am Bahnhof Kulmberg zu, die von der Straße aus zu sehen waren. Das große grüne, meinte sie, sei der Geist von Christian und das große rote der von Kaspar. Sie lief geradeaus, nicht darauf achtend, dass die Straße eine Biegung machte, verirrte sich im Schnee, und als Karin und ihr Vater sie fanden, war sie starr und kalt.
Zur Beerdigung fanden sich viele ein, mit denen die Zander keine Freundschaft gehalten hatten. Auch die Sterks kamen. Der alte Sterk ging, als Karin ihren Vater vom Grabe wegführte, auf diesen zu, hielt ihm die Hand hin und sagte: „Ich denk, Nachbar, Ihr werdet mir’s doch nicht verwehren, dass ich Euch wenigstens die Hand drücke.“
Zander schlug ein. „Ich dank Euch, Nachbar!“, sagte er. Dann gingen sie miteinander zum Leichenschmaus.
Sterk hatte weniger Land als Zander, doch nur zwei Kinder, den Ludwig und die Marie. Der Ludwig war auch nach Beendigung des Krieges beim Militär geblieben. Die Marie hatte wenig Aussicht auf eine Heirat, wegen ihrer Hasenscharte. Wenn der Ludwig mit einigen tausend Mark Abfindung vom Militär abgeht, rechnete Sterk, wird Zander nichts gegen eine Heirat mit Karin haben. Zander war einverstanden. Wenn schon kein Zander auf den Zanderhof kommen soll, so wenigstens eine Zanderin, um den Preis, dass der Sterkhof später verschwindet. Doch über diese Einzelheiten sprachen die Nachbarn nicht. Sie sprachen nur darüber, dass der Ludwig und die Karin ein stattliches Paar seien.
Ludwig jedoch kam bei Karin keinen Schritt weiter. Als er sie einmal im Kuhstall umfassen wollte, erschrak sie so sehr, dass er sofort von ihr abließ. Mit steinernem Gesicht sah sie ihn an und sagte dann: „Nachbar, das darfst du nicht denken, das nicht, auf keinen Fall.“ Sie ging aus dem Stall, und Ludwig blieb enttäuscht und verletzt zurück und kam dann wochenlang nicht mehr ins Zanderhaus.
Der alte Sterk ließ Zander unterdessen wissen, dass Ludwig nicht nur so viele Frauen bekommen könnte, wie er wolle, sondern auch solche, die es mit Karin sehr wohl aufnehmen könnten, auch was das Heiratsgut anbelangt. Zander antwortete nachdenklich: „Die Karin hat halt viel durchgemacht, da muss der Ludwig ein bisschen mehr Geduld haben als mit der erstbesten. Sie hat halt ein starkes Innenleben. Ein guter Wein gärt lang.“ Und zu Karin sagte Zander: „Ich weiß nicht, Karin, wie du dir das denkst, für später. Ich werde immer älter, und wenn ich die Augen zumache, und ich muss dich allein zurücklassen, das bedrückt mich. Der Ludwig ist doch kein unrechter Bursch, und dass er immer nur auf ein gutes Wort von dir wartet und nach keiner andern schaut, das macht auch nicht jeder. Aber einmal reißt ihm sicher die Geduld, und vielleicht denkst du nachher anders, wenn es zu spät ist.“
„Du stirbst noch lange nicht, Vater“, meinte Karin da. „Und daran denken, dass ich deswegen heiraten soll, das könnt mir’s erst recht verleiden. Ich hab halt gar kein Verlangen danach. Und wenn das nicht von selber kommt, bringt es auch kein Glück. Und Unglück haben wir doch grad genug hinter uns. Jetzt sind wir noch unser eigener Herr, was nachher kommt, wissen wir nicht. Warum sollen wir uns Sorgen machen, grad weil wir jetzt keine haben?“ Der alte Zander ging schweigsam und nachdenklich in seine Schlafkammer, denn über Karin ging das Gerede, dass sie mütterlicherseits erblich belastet sei, weil sie wortkarg und verschlossen war und nichts von Männern wissen wollte.
Adam Scharrer wurde am 13. Juli 1889 in Kleinschwarzenlohe (heute Gemeinde Wendelstein, Mittelfranken) geboren. Bereits in frühen Jahren prägte ihn das harte Leben der Arbeiterklasse. Nach einer Schlosserlehre führte ihn seine Arbeitssuche durch zahlreiche deutsche Städte sowie nach Österreich, die Schweiz und Italien. Während des Ersten Weltkriegs wurde er als Artillerist an die Ostfront eingezogen. Seine Erfahrungen als Soldat und seine Enttäuschung über die sozialdemokratische Zustimmung zu den Kriegskrediten radikalisierten seine politische Haltung. Er trat dem Spartakusbund bei und engagierte sich später in der linksradikalen KAPD (Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands).
Scharrer begann in den 1920er-Jahren mit dem Schreiben. Seine erste Erzählung "Weintrauben" (1925) wurde anonym veröffentlicht und brachte ihm eine Anklage wegen "literarischen Hochverrats" ein. Seine Werke sind stark autobiografisch geprägt und erzählen aus der Perspektive der unteren Gesellschaftsschichten. 1930 erschien sein wohl bekanntestes Werk "Vaterlandslose Gesellen", eine proletarische Antwort auf Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues". Der Roman ist eine schonungslose Abrechnung mit dem wilhelminischen Militarismus und dem Ersten Weltkrieg.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 musste Scharrer untertauchen und floh zunächst in die Tschechoslowakei, dann in die Sowjetunion. Dort lebte er in einer Autorenkolonie und schrieb weiter über die Nöte der Arbeiter und Bauern. Während seines Exils entstanden unter anderem "Maulwürfe" (1934), "Pennbrüder, Rebellen, Marodeure" (1937) und "Der Krummhofbauer und andere Dorfgeschichten" (1939).
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Scharrer 1945 nach Deutschland zurück und ließ sich in Schwerin nieder. Er arbeitete als Redakteur der "Schweriner Landeszeitung" und wurde Leiter der Literatursektion im Kulturbund. Trotz seiner politischen Nähe zur Arbeiterbewegung trat er keiner Partei bei.
Adam Scharrer starb am 2. März 1948 in Schwerin an den Folgen eines Herzanfalls, der durch eine hitzige Debatte über den Umgang mit der NS-Vergangenheit ausgelöst wurde. Er hinterließ ein umfangreiches literarisches Werk, das in der DDR große Verbreitung fand und als wichtiger Beitrag zur proletarischen Literatur gilt.
Seine Bücher, darunter "Vaterlandslose Gesellen", "Der große Betrug" und "In jungen Jahren", geben bis heute Einblicke in das Leben und die Kämpfe der Arbeiterklasse und bleiben ein wichtiges Zeugnis der deutschen Literaturgeschichte.
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- Artikel-Nr.: SW9783689124519458270.1
- Artikelnummer SW9783689124519458270.1
-
Autor
Adam Scharrer
- Wasserzeichen ja
- Verlag EDITION digital
- Seitenzahl 560
- Veröffentlichung 24.03.2025
- ISBN 9783689124519
- Wasserzeichen ja