Familie Schuhmann
Zwischen Armut und Aufbruch, Anpassung und Widerstand – das bewegende Porträt einer Familie im Sturm der Zeit
Der Autor erzählt die dramatische Geschichte einer Berliner Arbeiterfamilie in der Weimarer Republik und dem Beginn der NS-Herrschaft. Im Zentrum stehen Erna und Willi Schuhmann – ein Paar zwischen Hoffnung und Härte, Idealen und Alltag. Während Erna für Menschlichkeit, Haltung und Solidarität kämpft, gerät Willi immer tiefer in die Widersprüche seiner Zeit: als Sozialist, als Vater, als Mitläufer in der SA.
Adam Scharrer entwirft ein vielstimmiges Gesellschaftspanorama – dicht, ungeschönt und erschütternd aktuell. Er zeigt, wie politische Umbrüche Familien zerreißen, wie Menschen zwischen Anpassung und Widerstand zerrieben werden – und wie schwer es ist, an der eigenen Würde festzuhalten.
Ein zeitloser Roman über Mut, Verrat und den täglichen Überlebenskampf in schweren Zeiten. Ein literarisches Zeugnis voller Empathie, Schärfe und Hoffnung – neu zu entdecken für heutige Leserinnen und Leser.
Albrecht erhielt einige Tage nach seiner Aufnahme in der Heilstätte Beelitz von Vera eine Postkarte. Unter dem Hitlerbild stand: „Onkel Emil war zu Besuch da, er wird vielleicht auch zu dir kommen. Herzlichen Gruß! Vera.“
Das war genau die verabredete Mitteilung im Fall einer Haussuchung. Albrecht steckte Geld und Dokumente zu sich und ging in den Garten, um zu überlegen, nach welcher Richtung er am sichersten durchkommen könnte. Es war regnerisches Aprilwetter.
Das Eingangstor war geschlossen. Auf der Straße vor der Heilstätte fuhren SA-Trupps auf Fahrrädern auf und ab.
Albrecht ging langsam zurück und las noch einmal die Mitteilung auf der Postkarte. Ein Zweifel an der Absicht schien ausgeschlossen. Albrecht ging zu dem Hügel, der unweit der Tagesräume lag. Der angrenzende Hochwald war menschenleer. Albrecht kam ungesehen bis an die Getreidefelder der Heilstätte.
Jenseits dieser Felder war der Zaun niedrig. Aber rechts war das Feld von der Straße aus zu übersehen. Albrecht zögerte. Eine Verhaftung auf der Flucht aus der Heilstätte kann schlimmere Folgen haben als eine Verhaftung in der Heilstätte. Doch er war ausdrücklich gewarnt! Er ging querfeldein durch die grüne Saat. Plötzlich hörte er einen gellenden Pfiff hinter sich, dann einen zweiten, lang und laut. Albrecht drehte sich um und sah einen Trupp SA-Leute. Einer rief: „Zurück!“ und winkte.
Albrecht sah bereits den Zaun vor sich, dahinter dichten Wald. Aber ehe er den Zaun erreicht hatte, holte der Hund der SA-Patrouille ihn ein. Er sprang ihn von vorn an. Albrecht stieß dem Hund seinen Spazierstock mit der eisernen Zwinge in den Rachen. Der Hund wälzte sich schreiend auf der Erde. Albrecht lief auf den Zaun zu, kletterte hinauf. Da krachten drei Schüsse. Albrecht fiel tödlich getroffen auf den Acker zurück.
Adam Scharrer wurde am 13. Juli 1889 in Kleinschwarzenlohe (heute Gemeinde Wendelstein, Mittelfranken) geboren. Bereits in frühen Jahren prägte ihn das harte Leben der Arbeiterklasse. Nach einer Schlosserlehre führte ihn seine Arbeitssuche durch zahlreiche deutsche Städte sowie nach Österreich, die Schweiz und Italien. Während des Ersten Weltkriegs wurde er als Artillerist an die Ostfront eingezogen. Seine Erfahrungen als Soldat und seine Enttäuschung über die sozialdemokratische Zustimmung zu den Kriegskrediten radikalisierten seine politische Haltung. Er trat dem Spartakusbund bei und engagierte sich später in der linksradikalen KAPD (Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands).
Scharrer begann in den 1920er-Jahren mit dem Schreiben. Seine erste Erzählung "Weintrauben" (1925) wurde anonym veröffentlicht und brachte ihm eine Anklage wegen "literarischen Hochverrats" ein. Seine Werke sind stark autobiografisch geprägt und erzählen aus der Perspektive der unteren Gesellschaftsschichten. 1930 erschien sein wohl bekanntestes Werk "Vaterlandslose Gesellen", eine proletarische Antwort auf Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues". Der Roman ist eine schonungslose Abrechnung mit dem wilhelminischen Militarismus und dem Ersten Weltkrieg.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 musste Scharrer untertauchen und floh zunächst in die Tschechoslowakei, dann in die Sowjetunion. Dort lebte er in einer Autorenkolonie und schrieb weiter über die Nöte der Arbeiter und Bauern. Während seines Exils entstanden unter anderem "Maulwürfe" (1934), "Pennbrüder, Rebellen, Marodeure" (1937) und "Der Krummhofbauer und andere Dorfgeschichten" (1939).
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Scharrer 1945 nach Deutschland zurück und ließ sich in Schwerin nieder. Er arbeitete als Redakteur der "Schweriner Landeszeitung" und wurde Leiter der Literatursektion im Kulturbund. Trotz seiner politischen Nähe zur Arbeiterbewegung trat er keiner Partei bei.
Adam Scharrer starb am 2. März 1948 in Schwerin an den Folgen eines Herzanfalls, der durch eine hitzige Debatte über den Umgang mit der NS-Vergangenheit ausgelöst wurde. Er hinterließ ein umfangreiches literarisches Werk, das in der DDR große Verbreitung fand und als wichtiger Beitrag zur proletarischen Literatur gilt.
Seine Bücher, darunter "Vaterlandslose Gesellen", "Der große Betrug" und "In jungen Jahren", geben bis heute Einblicke in das Leben und die Kämpfe der Arbeiterklasse und bleiben ein wichtiges Zeugnis der deutschen Literaturgeschichte.
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- Artikel-Nr.: SW9783689124557458270
- Artikelnummer SW9783689124557458270
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Autor
Adam Scharrer
- Wasserzeichen ja
- Verlag EDITION digital
- Seitenzahl 722
- Veröffentlichung 01.04.2025
- ISBN 9783689124557
- Wasserzeichen ja